Assistenztechnologien für mehr Autonomie von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen

Zwei Frauen schauen auf ein Tablet, eine von ihnen sitzt mit Mobilitätseinschränkungen in einem Elektro-Rollstuhl.

Wie können Künstliche Intelligenz und neue Technologien Menschen mit Mobilitätseinschränkungen dabei unterstützen, ihren Alltag selbstbestimmter zu gestalten? Dieser Frage widmete sich unser INNET Webimpuls. Die Umfrage zu Beginn zeigte: Viele Teilnehmende setzen sich bislang eher wenig mit KI- oder technologiegestützten Assistenzlösungen auseinander. Umso größer war das Interesse daran, einen Überblick über aktuelle Entwicklungen, Chancen und konkrete Einsatzmöglichkeiten zu erhalten.

Zwei Impulse zeigten, wie weit Assistenztechnologien bereits entwickelt sind: KI-gestützte Robotik kann Menschen bei alltäglichen Handlungen unterstützen, während Augensteuerung den Zugang zu Computern und Kommunikation ermöglicht. In beiden Fällen soll Technologie individuelle Handlungsmöglichkeiten erweitern und Selbstbestimmung stärken.

KI-gestützte Assistenzrobotik: Wenn der Roboterarm im Alltag unterstützt

Annette Hagengruber von enabling robotics – einer Ausgründung aus dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt – zeigte, wie Technologien aus der Raumfahrt für die Assistenz von Menschen mit starken motorischen Einschränkungen weiterentwickelt werden. Das Team bringt langjährige Forschungserfahrung aus dem Institut für Robotik und Mechatronik in die Entwicklung ein. Tatsächlich lassen sich Technologien, die ursprünglich für Anwendungen im Weltraum entwickelt wurden – etwa Leichtbaurobotik, Teleoperation oder geteilte Steuerung – auch für Assistenzsysteme nutzen.

Ein Beispiel dafür ist ein am Rollstuhl integrierter Roboterarm. Eine EMG-basierte Schnittstelle erfasst Muskelsignale und übersetzt diese in Steuerbefehle. So können auch Menschen mit starken motorischen Einschränkungen das System bedienen.

Entscheidend ist dabei die Verbindung von menschlicher Steuerung und technischer Assistenz. Kameras erfassen Gegenstände in der Umgebung, während die Software die Nutzer*innen bei komplexen Bewegungen unterstützt.enabling robotics unterscheidet dabei drei Unterstützungslevel: direkte Steuerung, geteilte Steuerung und überwachte Autonomie. Die KI soll Aufgaben unterstützen, während die Anwender*innen die Kontrolle behalten.

Dieser Human-in-the-Loop-Ansatz ist zentral: Eine individuell passende Unterstützung des Menschen steht im Vordergrund. Die Anwendungsmöglichkeiten reichen von Essen und Trinken bis zum Öffnen von Türen oder Schubladen. Perspektivisch lässt sich das Prinzip der intelligenten Assistenz auch auf weitere robotische Anwendungen übertragen. Für Einrichtungen der Eingliederungshilfe liegt darin eine wichtige Perspektive: Assistenzrobotik kann Menschen mit Behinderungen zusätzliche Handlungsspielräume eröffnen und bei geeigneten Tätigkeiten entlasten.

Augensteuerung: Computer bedienen und kommunizieren ohne Hände

Wie Technologie neue Zugänge zu Kommunikation und digitaler Teilhabe schaffen kann, zeigte der zweite Impuls am Beispiel der Augensteuerung von Tobii Dynavox. Das Unternehmen entwickelt unter anderem Lösungen für Unterstützte Kommunikation und Computersteuerung für Menschen mit Behinderungen, beispielsweise bei ALS, Multipler Sklerose, Muskeldystrophie oder Zerebralparese.

Ein Eyetracker erfasst, wohin eine Person blickt, und übersetzt den Blick in Eingaben für das digitale Endgerät. Damit können Nutzer*innen Funktionen übernehmen, für die üblicherweise Maus, Touchscreen oder Hände notwendig wären.

Für die Nutzer*innen ist dabei nicht allein die technische Präzision entscheidend, sondern vor allem eine möglichst intuitive Bedienung. Statt einen kleinen Mauszeiger exakt positionieren zu müssen, nutzt die Software Blickbereiche, um Aktionen zugänglich zu machen. So lässt sich die kognitive und motorische Komplexität der Computersteuerung reduzieren.

KI kann auch helfen, die eigene Stimme zu bewahren

Besonders relevant wird Augensteuerung in Verbindung mit unterstützter Kommunikation. Eine Kombination von Augensteuerung und Sprachausgabe ermöglicht es Menschen mit eingeschränkter Lautsprache, Texte auszuwählen bzw. zu verfassen und über eine synthetische Stimme auszugeben. Dabei lassen sich die synthetischen Stimmen auch personalisieren.

Eine weitere Entwicklung betrifft die Personalisierung synthetischer Stimmen. Merkmale der eigenen Stimme werden erfasst, um daraus eine individuelle synthetische Stimme zu erstellen. Das kann insbesondere für Menschen mit fortschreitenden neurologischen Erkrankungen relevant sein, wenn absehbar ist, dass die natürliche Stimme verloren gehen könnte. Damit bekommt KI eine Bedeutung, die über reine Funktionalität hinausgeht: Assistive Technologien geben Nutzer*innen die Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit in der digitalen Kommunikation auszudrücken.

Assistenztechnologien müssen beim Menschen beginnen

Der INNET Webimpuls machte deutlich: KI-Innovationen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen sind heute mehr als Zukunftsszenarien. Robotische Assistenz, intelligente Steuerung und Augensteuerung zeigen konkret, wie Technologie Selbstständigkeit, Kommunikation und Teilhabe unterstützen kann.

Für Organisationen der Eingliederungshilfe stellt sich deshalb zunehmend die Frage, wo solche Technologien einen konkreten Mehrwert für Klient*innen schaffen können. Dafür reicht es nicht, die technische Leistungsfähigkeit zu betrachten. Entscheidend sind die individuellen Bedürfnisse der Nutzer*innen, eine einfache Bedienbarkeit, die Einbindung der Zielgruppe in Entwicklung und Erprobung sowie tragfähige Finanzierungs- und Implementierungsmodelle.

Nicht der Mensch muss sich an die Technologie anpassen. Gute Assistenztechnologie passt ihre Unterstützung an den Menschen an – und gibt ihm so viel Kontrolle wie möglich.

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